JAZZ PIANO / LESSON 04
Bebop-Tonleiter in einer Phrase von Bud Powell
In unserer Reihe über Phrasen berühmter Jazzpianisten geht es nach Red Garland nun um Bud Powell. Wir untersuchen zwei Takte aus der Bridge des zweiten Chorus von „Anthropology“, live aufgenommen Anfang 1962 im Café Montmartre in Kopenhagen.
Schau dir zuerst die Transkription und anschließend das Spielbeispiel an. Die Phrase enthält typisches Bebop-Vokabular und stellenweise Klänge des fünften Modus von Harmonisch-Moll (oft als phrygisch-dominant bezeichnet).

Die Phrase beginnt auf der Und-Zeit von Zählzeit eins mit der Terz von D7. Auf der zweiten Zählzeit folgt die Quinte; auf der nächsten Und-Zeit erklingt die kleine None.
Der entscheidende Punkt ist die Bebop-Dominanttonleiter. Auf den Und-Zeiten der Zählzeiten drei und vier fügt Powell das C♯ ein – die große Septime von D – als chromatischen Durchgangston innerhalb von D-Mixolydisch. Dieser Ton unterscheidet die Linie von einer rein mixolydischen oder phrygisch-dominanten Wendung.

Durch das eingeschobene C♯ landet die kleine Septime C auf einer betonten Zählzeit. Dadurch wird der Akkord auch allein durch die Melodie hörbar. Besonders in durchlaufenden Achtellinien des Bebop ist das ein wichtiges Prinzip.
Zu Beginn des zweiten Taktes erreicht die Linie das C, also die kleine Septime von D7. Bis zur dritten Zählzeit folgen Töne aus dem fünften Modus von G-Harmonisch-Moll.
Auf der Und-Zeit von Zählzeit vier erscheint erneut C♯ und führt zum D, der Quinte des folgenden G7-Akkords. Man kann es hier auch einfach als chromatischen Annäherungston verstehen.

D7 zu Beginn der Bridge eines Rhythm-Changes-Stücks begegnet uns häufig. Probiere diese Idee in deinen eigenen Improvisationen aus. Ich hoffe, dass die Analyse sowohl Selbstlernenden als auch erfahrenen Session-Musikern weiterhilft.